?Bis Ende Mai k?nnten wir deutlich unter 1000 Neuinfektionen pro Tag erreichen“

Deutschland sucht nach einem Ausweg aus der Covid-19-Epidemie. Die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft haben gemeinsam eine Stellungnahme ver?ffentlicht, in der sie auf der Basis von Modellrechnungen verschiedene Wege durch die Corona-Epidemie skizzieren. Viola Priesemann, die eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation leitet, ist eine Autorin dieses Positionspapiers. Ihr Team hat zwei Szenarien berechnet, wie sich das Coronavirus in den kommenden Wochen ausbreiten wird. Wir sprachen mit ihr über verschiedene Wege durch die Epidemie, welche Folgen ein Wiederanstieg der Neuinfektionen h?tten und wie diese abgewendet werden k?nnen.

Viola Priesemann leitet eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und ist eine Autorin der Stellungnahme, die die vier au?eruniversit?ren Forschungsorganisationen zur Ausbreitung des Coronavirus und zu seiner Ausbreitung ver?ffentlicht haben.

Frau Priesemann, wann k?nnen die Beschr?nkungen, die wir wegen der Corona-Epidemie hinnehmen müssen, gelockert werden?

Es gibt den Wunsch, dass wir die Beschr?nkungen jetzt stark lockern – damit würde man aber in Kauf nehmen, dass die Ansteckungsrate und die Anzahl der Neuansteckungen wieder steigen. Dann müssten wir uns aber wahrscheinlich in ein paar Wochen wieder drastisch einschr?nken, um die zweite Welle abzud?mpfen. Wir w?ren also wieder da, wo wir Mitte M?rz waren. Wir pl?dieren deshalb dafür, die gro?e Chance zu nutzen, die wir gerade haben: Die Anzahl Neuinfektionen sind so niedrig wie lange nicht - wenn wir sie auf t?glich nur noch einige Hundert best?tigte F?lle senken, k?nnen wir die Infektionsketten nachvollziehen und die Kontaktpersonen positiv getesteter Patienten isolieren. Je mehr wir die Ansteckungen jetzt nochmal drücken, desto schneller sind wir bei einigen hundert F?llen. Dann k?nnen wir uns auch wieder mehr Freiheiten erlauben.

Wie lange wird es dauern, bis die Zahl der t?glichen Neuinfektionen auf deutlich unter 1000 F?lle sinken wird?

Wir hatten mit der Kontaktsperre einen Zustand erreicht, in dem die Zahl der t?glichen Neuinfektionen recht zügig abgenommen hat. Statt über 6.000 Neuinfektionen sind wir nun bei 1.000 bis 2.000. Die effektive Reproduktionszahl lag also in den vergangenen Wochen deutlich unter 1. Wenn das so bliebe, k?nnen wir Ende Mai einige 100 F?lle pro Tag erreichen.

Ist es auch m?glich, die Epidemie zu bew?ltigen, wenn es t?glich wieder mehr Neuinfektionen gibt?

Es gibt im Prinzip nur zwei natürliche Enden einer Epidemie: Entweder wird der Virus ausgerottet oder genug Menschen sind immun. Auf eine Grundimmunit?t zu setzen, bringt allerdings einige Risiken mit sich. Wir wissen derzeit nicht einmal, wie lange man nach einer Corona Infektion immun bleibt. Eine langfristige Immunit?t ist jedoch notwendig dafür, dass die Ausbreitung in dem Fall zurückgeht. Mit diesen Unsicherheiten über die Immunit?t ist eine weitere Ausbreitung sehr riskant. Au?erdem wissen wir sehr wenig über m?gliche gesundheitlichen Sp?tfolgen von COVID-19.

In Deutschland konnten die Kliniken die Patienten mit schweren Covid-19-Verl?ufen aber bislang doch gut versorgen, manche haben sogar Kurzarbeit angemeldet …

Aber nur, weil die Krankenh?user im Ausnahmezustand arbeiten und alle planbaren Operationen, für die Intensivbetten ben?tigt werden, aufgeschoben habe. Aus den Kliniken hei?t es, dass mit einem Normalbetrieb in Deutschland wesentlich weniger Intensivbetten für die Versorgung von zus?tzlichen COVID-19 Patienten zur Verfügung stünden. Dazu kommen auch noch die COVID-19 Verdachtsf?lle, die vorsorglich auch isoliert behandelt werden müssen. Es ist au?erdem sehr wichtig, dass alle nicht-COVID Patienten mittelfristig wieder genauso werden k?nnen wie vor der Epidemie. Es ist nicht klar, wie viele Betten in einem solchen Normalbetrieb für COVID-19 Patienten zur Verfügung gestellt werden k?nnen, ohne dass die Versorgung aller anderen leidet.

Werden die Ma?nahmen zur Eind?mmung der Corona-Epidemie also vorschnell gelockert?

Im Prinzip kann jede Beschr?nkung gelockert werden, wenn es dadurch nicht zu zus?tzlichen Ansteckungen kommt. Leider wissen wir nicht, welche Risiken jede einzelne Lockerung mit sich bringt. Um damit Erfahrungen zu sammeln, sollten wir vorsichtig und schrittweise vorgehen. Wenn wir alles gleichzeitig lockern, ist das Risiko einer erneuten Infektionswelle sehr hoch. Au?erdem dauert es zwei bis drei Wochen, bis wir die Effekte einer Lockerung sehen. In dieser Zeit kann es schon zu einer starken Ausbreitung kommen, ohne dass wir es merken. Damit würden wir riskieren, die Erfolge der Disziplin und Anstrengungen in den vergangenen Wochen wieder zu verspielen. Es gilt also, Ma?nahmen einzeln und gezielt zu lockern und genau zu beobachten, welchen Effekt die Lockerung auf die Neuinfektionen zwei bis drei Wochen sp?ter hat. Welche Ma?nahmen zuerst gelockert werden, muss allerdings in einem offenen Diskurs entschieden werden, der alle gesellschaftlich wichtigen Aspekte wie etwa die wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Effekte einbezieht.

Man hat den Eindruck, dass es bei der Eind?mmung der Epidemie immer wieder neue Ziele gibt. Was muss Ihrer Meinung nach das Ziel sein?

Als die Infektionszahlen exponentiell stiegen war das Ziel kurzfristig ganz klar, die exponentielle Ausbreitung zu stoppen. Das ist mit gro?em Einsatz gelungen. Die t?glichen Neuinfektionen gehen seit Anfang April klar zurück. Auf den ersten Blick sieht es nun so aus, als seien wir am Ziel. Aber das ist nicht der Fall. Bei einer Entscheidung über ein Ziel muss einem bewusst sein, dass das Virus nicht einfach verschwinden wird. Er wird uns sehr wahrscheinlich noch einige Monate oder Jahre besch?ftigen. Deswegen brauchen wir jetzt eine Strategie, die langfristig tragbar ist. Die einzige nachhaltige L?sung, die wir sehen, ist das Virus so weit wie m?glich zurückzudr?ngen, so dass die verbleibenden Infektionsketten nachverfolgt und m?gliche neue Infektionsherde so schnell wie m?glich aufgespürt werden k?nnen.

Interview: Peter Hergersberg

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